HHO warnt, dass Menschen mit Behinderung auf der Strecke bleiben könnten
Dieser Artikel erschien am 25. Juni 2026 in der NOZ (Neue Osnabrücker Zeitung).
Die HHO steht vor einer angespannten Finanzlage. Die Gründe: steigende Personalkosten und eine Finanzierung, die sich nicht mehr am Bedarf orientiert. Geschäftsführer Jörg Richter warnt, dass die Versorgung von Menschen mit Behinderung an Leistungsfähigkeit verlieren könnte.
Jörg Richter ist niemand, der seine Befürchtungen leichtfertig an die Wand malen würde. Aber der Geschäftsführer der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO) kämpft aktuell, wie viele andere Akteure der freien Wohlfahrtspflege, mit einer Finanzlage, die sich Jahr für Jahr verschlechtert, und einem Auftrag des Sparens, der die Qualität der Versorgung deutlich verschlechtern könnte.
„Auch wenn die Versorgung der Menschen mit Beeinträchtigung aktuell sichergestellt ist, scheint das bewährte Finanzierungssystem schrittweise an Leistungsfähigkeit zu verlieren“, sagt Richter.
So finanziert die HHO ihre Angebote
150 Millionen Euro stehen der HHO jährlich in Stadt und Landkreis Osnabrück zur Verfügung. Damit finanziert sie ihre Kindereinrichtungen, Wohnheime, Werkstätten, ambulanten Wohnformen und die tägliche Assistenz, die Menschen mit Behinderung die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen sollen – so sieht es das Bundesteilhabegesetz vor.
In Niedersachsen übernimmt die Eingliederungshilfe des Landessozialamts die Kosten für behinderte Erwachsene. Für Kinder und Jugendliche liegt die finanzielle Verantwortung bei den Kommunen. So ist es im Landesrahmenvertrag zur Eingliederungshilfe geregelt.
Früher leichte Überschüsse, heute Finanzloch
Dieses finanzielle Gerüst stand bislang auf sicherem Boden. Noch vor ein paar Jahren sei die HHO in der Lage gewesen, leichte Überschüsse zu erzielen, sagt Richter. Diese Überschüsse flossen in zusätzliche Leistungen, die nicht im Landesrahmenvertrag vorgesehen sind, etwa in eine Reittherapie. Anbieten kann die HHO sie immer noch, allerdings ist sie dafür aktuell vermehrt auf Spenden angewiesen.
Steigende Personalkosten und notwendige Sanierungen sind aktuell nicht refinanziert, sagt Jörg Richter, Geschäftsführer der HHO.
Denn die Überschüsse sind mittlerweile verdampft, zusätzliche Leistungen mussten teilweise reduziert werden. Vor drei Jahren habe die HHO erstmals rote Zahlen geschrieben. Als Kostentreiber macht Richter vor allem steigende Personalkosten aus, die im aktuellen Jahresbudget rund 70 Prozent ausmachen. Mit mehr als 2.000 Beschäftigten gehört die HHO zu den größten Arbeitgebern in der Region Osnabrück.
Dazu kämen neue Auflagen im Brandschutz, die die HHO in ihren Gebäuden umsetzen muss. In den nächsten zehn Jahren rechnet Richter mit Sanierungskosten im zweistelligen Millionenbereich.
„Es ist sinnvoll und richtig, dass die tarifgebundenen Gehälter unseres Personals steigen und dass wir in die Struktur unserer Gebäude, zum Beispiel in Wohnheime, investieren müssen“, sagt Richter. „Diese Posten sind aktuell aber nicht refinanziert. Wir zahlen also drauf.“
„Werden unserem eigenen Anspruch nicht gerecht“
Dieser finanzielle Druck ergebe sich nicht zuletzt auch deshalb, weil sich der aktuelle Landesrahmenvertrag an einem veralteten Finanzierungsmodell orientiere. „Die Pauschalfinanzierung und der vertraglich vorgesehene Personalschlüssel bauen noch auf Annahmen von vor 25 Jahren auf“, sagt Richter. „Heute sind wir aber zunehmend mit anderen Behinderungsbildern konfrontiert, die durch Traumata und psychische Erkrankungen auftreten. Und damit ändert sich auch der individuelle Bedarf der Menschen, die wir betreuen.“
Wenn die Bedarfsorientierung nicht vollständig umgesetzt werden könne, dann werde Inklusion nicht zu Ende gedacht, findet der Vorstandsvorsitzende der HHO, Thomas Schmidt-Benkowitz. In der Konsequenz blieben vor allem Personen mit schweren Behinderungen oder herausforderndem Verhalten auf der Strecke.
Aktuell stehen die niedersächsischen Wohlfahrtsverbände mit dem Landessozialamt in Verhandlungen, um die Eingliederungshilfe an die gegenwärtigen Bedarfe anzupassen. Auch die HHO ist an den Gesprächen beteiligt. Dabei gehe es auch um die Frage, an welchen Stellen Geld bedarfsorientierter eingesetzt werden könnte.
„Natürlich müssen wir wirtschaftlich handeln”, sagt Schmidt-Benkowitz. „Das darf aber nicht zu Lasten unseres Personals, der Infrastruktur oder der Menschen mit Behinderungen gehen.“ Potenzial sieht er hingegen in der Entbürokratisierung, etwa bei Berichtspflichten und Anträgen.
Vorsitzende des Autismusverbands fordert neues Wohnheim
Maria Kaminski vom deutschen Autismusverband sieht vor diesem Hintergrund auch die Angehörigen von behinderten Menschen in der Pflicht. „Wir haben uns an die tollen Leistungen der HHO gewöhnt”, sagt Kaminski. „Die werden nicht bleiben, wenn wir nicht für unsere Rechte einstehen.“
Eines dieser Rechte sei ein bedürfnisgerechtes Wohnen. Insbesondere für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf und herausforderndem Verhalten brauche es dafür in Osnabrück zeitnah ein geeignetes Wohnheim, “bevor sich der politische Wind zurückdreht”. Kaminski kennt noch Wohnheime aus den 70er Jahren, Orte, an denen Menschen mit Behinderung in Zehnbettzimmern lebten, Zustände, die aus heutiger Sicht nicht mehr akzeptabel sind. „Das dürfen wir nie wieder zulassen“, sagt die 77-Jährige.
Foto: Benjamin Beutler, NOZ. Auf dem Bild zu sehen: Jörg Richter, Geschäftsführer der HHO (links), Maria Kaminski, Vorsitzende des Autismusverbands Deutschland und Thomas Schmidt-Benkowitz, Vorstandsvorsitzender der HHO.
